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Braunkohlenbriketts als historische Zeugnisse

Dass Geschichte prägen kann, ist unbestritten. Ob man Geschichte aber auch aus einer Prägung lesen kann? Ein Versuch wäre es wert mit Hilfe von vier Braunkohlenbriketts aus den Musealen Sammlungen des montan.dok. Hergestellt wurden sie von der Rheinbraun AG (heute: RWE Power AG) in den 1990er-Jahren und kamen in den Jahren ihrer Entstehung in die Musealen Sammlungen des montan.dok. Aktuell sind sie in der Jubiläumsausstellung „UNSER LAND. 75 Jahre Nordrhein-Westfalen“ vom 27. August 2021 bis 23. Mai 2022 in Düsseldorf zu sehen.

 

Die Herstellung besonderer Briketts, die sich von den üblichen Handels- und Verbrauchsformen zum Verbrennen unterscheiden, hat in den ost- und westdeutschen Bergbaurevieren Tradition und durchaus eine kulturell-gesellschaftliche Bedeutung erlangt. Dabei gibt es Unterschiede in den Formen, die eine grobe Einteilung in „Sonderbrikett“ und „Schmuckbrikett“ zulassen. Sonderbriketts werden in der Regel in der Standardform gepresst und anstelle der üblichen Herstellermarken mit besonderen Prägungen versehen. Schmuckbriketts haben dagegen zierlichere Ausführungen und Formen. Letztere sind eher typisch für die Reviere in Mittel- und Ostdeutschland. Die Prägungen der Briketts sind häufig koloriert, wodurch sie Ihren Zweck der „Nichtverbrennung“ unterstreichen. Andere Begriffe für die besonderen Briketts sind daher auch Zierbrikett, Sammelbrikett oder Sammlerbrikett. Die Intentionen zur Prägung von Sonder- oder Schmuckbriketts sind sehr unterschiedlich. Zum Beispiel nutzen die Hersteller das Brikett als Medium, um Botschaften nach außen zu tragen. Personenehrungen, prominente Ereignisse, Jubiläen u. v. a., nicht zuletzt politische und propagandistische Botschaften finden sich auf solchen Briketts wieder. Die Tradition der besonderen Briketts ist weit über 100 Jahre alt. Wann und wo die ersten ihrer Art entstanden, ist bisher nicht erforscht. Inzwischen ist die Brikettsammlung des montan.dok auf mehrere tausend Stück angewachsen. Dies ist insbesondere auch der Übernahme einer großen Zahl von Briketts von Josef Kau zu verdanken, dessen Sammlung in den 1990er-Jahren als „größte Klüttensammlung der Welt“ (Rheinbraun 1996) galt. Mit der Wiedervereinigung konnten durch das montan.dok ab den 1990er-Jahren auch Briketts aus Mittel- und Ostdeutschland und damit dem Teil Deutschlands gesammelt werden, der bis dahin hinter dem Eisernen Vorhang weitgehend unzugänglich geblieben war.

 

Die Braunkohlenbriketts tragen auf der Oberseite eine Prägung und haben eine individuelle Entstehungsgeschichte. Das erste Brikett trägt die Prägung „Ja zur Braunkohle // ja zu Garzweiler II“, 1994 (montan.dok 030003123001). Auf dem zweiten ist zu lesen „Grünes Licht für Garzweiler II 30.10.1998“, 1998 (montan.dok 030004315001). 1994 hat der Braunkohlenbergbau dem Vorhaben, den Tagebau Garzweiler II im westlichen Anschluss an den Tagebau Garzweiler I im Rheinischen Braunkohlenrevier bergmännisch auffahren zu können, sicher positiv entgegengesehen. Am 31. März 1995 erfolgte die Genehmigung des Braunkohlenplans Garzweiler II durch die nordrhein-westfälische Landesregierung. Wenige Wochen später änderten sich die Rahmenbedingungen, als die bis dahin rein SPD-geführte Landesregierung nach der Landtagswahl die Mehrheit verloren hatte und eine Regierungskoalition mit der Partei Bündnis 90/Die Grünen einging. Der Koalitionsvertrag aus dem Jahr 1995 vertagte eine Entscheidung bis zum Jahr 2000 und hielt bis dahin am Status Quo fest. Am 30. Oktober 1998 legten die Koalitionspartner den Streit um den Tagebau Garzweiler II bei. Man einigte sich mit der damaligen Rheinbraun AG auf das Abpumpen des Grundwassers als Vorbereitung für den späteren Tagebau. Mitte 2006 griffen die Bagger auf das Gebiet Garzweiler II zu. Im Jahr zuvor hatte eine Regierungskoalition aus CDU und FDP die politische Führung des Landes NRW übernommen.

 

Das dritte Brikett trägt den Schriftzug „Schützenbruderschaft // St. Katharina // Niederaußem // 1444-1994“, 1994 (montan.dok 030003123003). Parallel mit dem 1994 auf Briketts geprägten Bekenntnis „Ja zur Braunkohle // Ja zu Garzweiler II“, erfolgte auch die Prägung des Sonderbriketts zum 550-jährigen Bestehen der Schützenbruderschaft St. Katharina in Niederaußem. Hervorgegangen aus einer Gebetsbruderschaft gehört die St. Katharina-Bruderschaft zu den ältesten im Bezirksverband Bergheim-Nord. Nahe Bergheim gelegen befindet sich der Ort Niederaußem im Einzugsbereich der Rheinischen Großtagebaue, von denen einer der Tagebau Garzweiler ist.

 

Auf dem vierten Brikett ist zu lesen: „Dr. D. Henning // 1969-1994 // RHEINBRAUN“, 1994 (montan.dok 030003123005). Ebenfalls auf das Jahr 1994 fiel das 25-jährige Dienstjubiläum des Dr.-Ing. h. c. Dieter Henning. Henning, der 1969 als Betriebs-Ingenieur bei der damaligen Rheinbraun AG im Tagebau Frechen begann, war von 1990 bis 1993 Vorstandsvorsitzender der Lausitzer Braunkohle AG in Senftenberg und anschließend von 1993 bis 1999 Vorstandsvorsitzender der Rheinbraun AG. Er war zugleich Mitglied im Vorstand der RWE AG und hat als Mitglied der Vereinigung der Freunde von Kunst und Kultur im Bergbau e.V. (VFKK) das Deutsche Bergbau-Museum Bochum unterstützt.

 

Wie lange die Tradition der Sonder- und Schmuckbriketts überhaupt fortgeführt wird, ist sicher auch von den zukünftigen politischen Entscheidungen abhängig, zumal das Braunkohlenbrikett ab den 1960er-Jahren als Brennstoff an Bedeutung verloren hat. Im Spitzenjahr 1964 wurden in Ost- und Westdeutschland fast 77 Mio. t Braunkohlenbriketts produziert. 2020 waren es noch knapp 1,3 Mio. t. Gleichzeitig ist auch die Zahl der Brikettfabriken insbesondere durch die vielen Stilllegungen in den neuen Bundesländern nach 1990 drastisch gesunken. Oft ist das letzte Sonderbrikett einer Brikettfabrik das mit dem Datum ihrer Schließung.

 

Als „Zeichen der Zustimmung“ stehen die vier hier vorgestellten Briketts in der aktuellen Ausstellung „UNSER LAND. 75 Jahre Nordrhein-Westfalen“ im Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalens übrigens einem Plakat gegenüber, das den Braunkohlenbergbau in Nordrhein-Westfalen als „Heimatfresser“ darstellt. Die Kontextualisierung der Briketts innerhalb der Auseinandersetzung mit der historischen Industrieentwicklung des Landes zeigt beispielhaft den musealen Wert dieser Objekte.

 

01. Oktober 2021 | Dr. Michael Ganzelewski

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) 030003123001, 030003123003, 030003123005 und 030004315001.

 

Lausitzer Braunkohle Aktiengesellschaft (Hrsg.): Brikett im Wandel der Zeiten. Eine Ausstellung vom 8. April bis 12. Juni 1997 in der Betriebsstatte am Standort Schwarze Pumpe der Lausitzer Braunkohle Aktiengesellschaft, Senftenberg 1997.

 

Rheinbraun AG (Hrsg.): Briketts Briketts. Die größte Klüttensammlung der Welt, Katalog zur Ausstellung in der Galerie Schloß Paffendorf der Rheinbraun AG vom 23. November 1996 bis 2. Februar 1997, Köln 1996.

 

Sächsisches Industriemuseum/Lausitzer Bergbaumuseum Knappenrode/Vattenfall Europe Mining AG (Hrsg.): Geprägte Geschichte oder Die „Neujahrskarte“ der Bergbauunternehmer, in Sächsisches Industriemuseum/Lausitzer Bergbaumuseum Knappenrode/Vattenfall Europe Mining AG (Hrsg.): Feurige Geschichten, Chemnitz, Hoyerswerda, Schwarze Pumpe 2004, S. 21-23.

 

Die statistischen Angaben stammen von der Statistik der Kohlenwirtschaft e.V. unter: https://kohlenstatistik.de