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Die Kunst will geübt sein

Je tiefer der Bergbau in die Erde vordrang, desto weitere Entfernungen mussten die Bergleute zurücklegen, um vor Ort die verschiedenen Erze oder Kohle zu gewinnen. Not macht bekanntlich erfinderisch, und so wurde die Fahrkunst geboren. Allerdings brauchte es einige Übung, um bei der Ein- und Ausfahrt aus dem Bergwerk von der Erfindung profitieren zu können.

 

Das Funktionsprinzip der Fahrkunst ist recht simpel: Zwei Gestänge aus Holz oder Eisen bewegen sich in entgegengesetzter Richtung taktgleich im Schacht hoch und herunter. An beiden Stangen sind Tritte und Handgriffe befestigt, um darauf zu stehen und sich mit den Händen festhalten zu können. Angetrieben durch Wasserräder, Dampf- oder Wassersäulenmaschinen wird ein Hub von zwei bis zu vier Meter erzeugt. Um sich nach unten oder oben zu bewegen, muss der Bergmann immer wieder den Balken wechseln. Nach jedem Hub wird eine kleine Pause erzeugt, die diesen Übertritt von einem Balken zum anderen ermöglicht. Neben der beschriebenen so genannten doppeltrümmigen Ausführung gibt es auch die eintrümmige Variante mit nur einer Stange, die sich auf und ab bewegt. Zum Umsteigen werden dabei im Schacht montierte Bühnen genutzt.

 

Die Fahrkünste, als deren Erfinder der Bergmeister Georg Ludwig Wilhelm Dörell (1793-1854) öfters genannt wird, fanden vom Harz aus eine weitere Verbreitung im deutschen und belgischen Bergbau. Die erste Zeche im Ruhrgebiet, auf der die Erfindung seit 1852 den Bergleuten den Weg zur Kohle erheblich erleichterte, war die Zeche Gewalt in Essen-Überruhr.

 

Der Wechsel auf den Fahrkünsten will geübt sein. So schrieb der seinerzeitige Direktor des damaligen Bergbau-Museums Bochum, Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann, an Bergrat Hans Barry im Oktober 1942, dass nur der Pumpenwärter auf der Grube Samson in St. Andreasberg ihn richtig habe lehren können, auf der Fahrkunst zu fahren (vgl. montan.dok/BBA 112/765). Die Fahrkunst ist dort zwar heute noch in Betrieb und sichert den Zugang zu einer Wasserkraftanlage, aber sie ist nicht für Besuchende zugänglich. Immerhin können sie im dortigen Museum mit einem Fahrkunstsimulator das Fahren üben. Ein gutes Taktgefühl ist gefragt, um den richtigen Zeitpunkt für den Umstieg abzupassen. Wilhelm Leo bemerkte in seinem Lehrbuch für Bergbaukunde von 1861 die Schwierigkeiten für Anfänger bei dem richtigen Umgang mit der Kunst.

 

Der Bochumer Museumsdirektor hatte nicht nur das Fahren auf der Fahrkunst erlernt, sondern auch für das gerade erst gegründete Bergbau-Museum eine solche (montan.dok 030001394001) sichern können. Am 09. Oktober 1931 überließ der erwähnte Bergrat Barry dem Museum in Bochum neben anderen Objekten einen Teil einer Fahrkunst. Sie wird als „Bockswieser Fahrkunst“ im entsprechenden Eingangsbuch (montan.dok/BBA 112/6211) bezeichnet. Sie stammt also aus einem Bergwerk im Verwaltungsbereich der Berginspektion Lautenthal im Harz, die Barry bis zur Auflösung 1931 leitete. Die genauen Hintergründe der Übereignung sind leider nicht überliefert. Gut möglich, dass Winkelmann, der für das junge Bochumer Museum intensiv auf Objektsuche war, Barry selbst darum gebeten hatte. Dieser war sehr um den Erhalt und die Musealisierung von Objekten von stillgelegten Harzer Gruben bemüht, wie vor allem seine Arbeit für das Oberharzer Bergwerksmuseum in Clausthal-Zellerfeld zeigt.

 

Für die Präsentation der Fahrkunst in Museum hatte der Gründungsdirektor offenkundig große Pläne. In seinem Brief im Oktober 1942 bekräftigte Winkelmann gegenüber Barry seinen Wunsch, sich der Fahrkunst zu widmen und betonte, dass er zuvor mit dem Bergrat die Pläne vor Ort in Bochum besprechen wolle (vgl. auch im Folgenden montan.dok/BBA 112/765). Schon im April des gleichen Jahres hatte er Barry geschrieben und diesem sein Leid über den Wassereinbruch im Anschauungsbergwerk geklagt. Am Ende des Schreibens kam er auf die Fahrkunst im Bergbau-Museum Bochum zu sprechen und deutete an, dass er Pläne für die Präsentation dieses Objekts habe. Dafür wolle er sich aber mit Barry noch einmal näher austauschen. Ob Winkelmann die Fahrkunst im Zusammenhang mit dem Anschauungsbergwerk präsentieren wollte? Danach wird es still um die zwei hölzernen Fahrstangen, die aus zwei Schichten von sich überlappenden Holzbalken bestehen und mit Eisennägeln und Eisenbändern verbunden sind. An jedem der gut 6 m langen und 15 cm breiten Balken sind Holzbretter und eiserne Griffbügel angebracht. Die Holzbretter sind mit Eisenbügeln seitlich an den Stangen montiert und unterhalb durch einen Holzsteg gestützt.

 

Nach einer grundlegenden Restaurierung 1986 wurde besagter Teil der Fahrkunst im seinerzeitigen Erweiterungsbau des Deutschen Bergbau-Museums Bochum ausgestellt. Er fand seinen Platz im Treppenhaus zusammen mit Tafeln, die die Funktionsweise illustrierten. Seit dem Umbau des Museums ab 2016 werden die beiden Balken im Depot der Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums bewahrt und nicht in der Dauerausstellung präsentiert.

 

01. Oktober 2021 (Dr. Maria Schäpers)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum (DBM) 030001394001

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 112/765, 112/6211

 

Buschmann, Walter: Malakowtürme, in: Rheinische Industriekultur. Unter: https://www.rheinische-industriekultur.de/objekte/Bergbau/Malakows/malakows.html (Eingesehen: 11.09.2021).

 

Hein, Günther/Küpper-Eichas, Claudia: Rüstung als Weg aus der Krise? Arbeit und Wirtschaft im Oberharz in der Zeit des Nationalsozialismus, Bochum 2006 (= Montanregion Harz, Nr. 7; = Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 146).

 

Leo, Wilhelm: Lehrbuch der Bergbaukunde, Quedlinburg 1891.

 

Radday, Helmut: Mit Haspel, Fahrkunst und Computer. Harzer Bergbau einst und jetzt. Eine Ausstellung des Oberharzer Geschichts- und Museumsvereins und des Oberharzer Bergwerksmuseums in Clausthal-Zellerfeld, Clausthal-Zellerfeld 1988.

 

Riechers, Albert: Schlägel und Eisen-Feuersetzen, Dynamit, unterirdische Eisenbahn, Fahrkunst, vom Hanfseil zum Drahtseil, Leibniz und seine Versuche mit der Windkraft, Technische Dichtung, Clausthal-Zellerfeld, 4. überarb. Aufl., 1987 (Der Harz und Südniedersachsen, H. 3, Serie Harz).

 

Treptow, Ernst: Grundzüge der Bergbaukunde, Wien 1892.

 

Video zu einer Reportage über die Fahrkunst der Grube Samson. Unter: https://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/die-fahrkunst-in-der-grube-samson-clip (Eingesehen: 11.09.2021).

 

Video zu dem Seilfahrtsimulator der Grube Samson Bergwerksmuseum und Erlebniszentrum. Unter: https://www.youtube.com/watch?v=3jPUcPFKjRQ (Eingesehen: 11.09.2021).