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Die Zukunft des Bergbaus: Steuerpult der Grubenwarte der Zeche Sophia Jacoba von 1967

Zu Beginn der 1980er-Jahre hielt in Deutschland „Kollege Computer“ Einzug auch in der Arbeitswelt des Bergbaus. Die Vorgeschichte dieser von Mechanisierung und Rationalisierung geprägten Entwicklung spiegelt unter anderem die Einrichtung zentraler Grubenwarten über Tage, wie die auf der Zeche Sophia Jacoba in Hückelhoven 1967. Anlagen dieser Art erleichterten nicht nur die Kommunikation unter Tage, sondern ermöglichten bald auch eine direkte Kontrolle und Steuerung von Betriebsabläufen, was bis heute den modernen Bergbau weltweit prägt.

 

Am Anfang stand der Wunsch nach möglichst störungsfreier Verständigung mit den in der Tiefe arbeitenden Bergleuten, verlaufen doch bei den Tiefbauzechen seit jeher alle Informations-, Menschen- und Materialströme durch das Nadelöhr des Schachtes. Mit der zunehmenden Entfernung nach unter Tage wurden konventionelle Mittel der Verständigung über Seilzüge und Klopfhämmer allerdings immer störanfälliger. Daher setzte man nach dem Ersten Weltkrieg auf weitaus sicherere elektrische Verbindungen und konnte mit ihrer Hilfe, wie 1922 auf dem Schacht 4 der Gewerkschaft Friedrich Thyssen in Duisburg, bei der Seilfahrt akustische mit optischen Signalen verbinden.

 

Ein weiterer Schritt war die Einrichtung telefonischer Verbindungen, die bereits ab 1884 auf den Schächten des Kölner Bergwerkvereins genutzt wurden. Mit der Zuweisung von Überwachungsaufgaben an die Telefonzentrale entstand dann in den 1950er-Jahren mit dem „Gruben- und Sicherheitswart“ ein neuer Aufgabenbereich. Dabei ging es nicht nur um eine störungsfreie Verständigung zwischen verschiedenen Betriebspunkten, sondern erstmals auch um eine Überwachung von Maschinen und Anlagen von zentraler Stelle aus.

 

Die erste Grubenwarte unter Tage in Deutschland nahm 1956 auf der Grube Emil Mayrisch bei Alsdorf ihren Betrieb auf, kurz darauf folgte die Zeche Franz Haniel in Oberhausen mit einer Grubenwarte über Tage. Schon Anfang der 1960er-Jahre erkannte man das hohe Automatisierungs- und Rationalisierungspotential von zentralen Grubenwarten über Tage, ließen sich doch von dort aus alle Vorgänge und Betriebsabläufe eines Bergwerks erfassen. Das Spektrum reichte von der Übermittlung von Wetterdaten und Gefahrmeldungen über die Optimierung des Materialtransports bis hin zur Aufzeichnung betriebswirtschaftlich relevanter Daten. Aber nicht nur einfache Ist-Zustände der Abbaumaschinen und Förderanlagen ließen sich abfragen. Durch den Ausbau und den Einsatz der „Fernwirktechnik“ (Fernsteuerung) wurde bald auch das aktive Eingreifen in Betriebsvorgänge möglich. Die Grubenwarten besaßen nun eine mehr oder weniger einheitliche Ausstattung, bestehend aus Schaltschränken und Pulten mit Sichtgeräten für optische und akustische Signale, Schreibern, Zählvorrichtungen, Fernsprechern und Leucht-Meldetafeln.

 

Dieser grundlegende technische Wandel im Bergbau lässt sich an dem Steuerpult der Grubenwarte der Zeche Sophia Jacoba des Herstellers Funke & Huster Elektrizitätsgesellschaft Essen von 1967 (montan.dok 030006198001) in den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) ablesen. Nach der Stilllegung der Zeche 1997 gelangte es ein Jahr später nach Bochum, wo es dann erstmals 2009/10 in der Ausstellung: „Glück auf! Ruhrgebiet. Der Steinkohlenbergbau nach 1945“ zu sehen war. Heute ist es Teil der Dauerausstellung in Rundgang Steinkohle. Über diese Grunddaten hinaus ist über das Objekt leider nichts weiter bekannt, da eine Zugangserfassung oder eine andere Dokumentation des Eingangs nicht überliefert sind.

 

Allerdings markiert das Baujahr 1967 eine Zeit, in der die anhaltende Krise des deutschen Steinkohlenbergbaus noch nicht überwunden war und erst mit der Gründung der Ruhrkohle AG (RAG) ein Jahr später, im November 1968, ein Instrument geschaffen wurde, das durch Konsolidierung, Rationalisierung und Mechanisierung in den folgenden Jahrzehnten einen grundlegenden Strukturwandel im deutschen Steinkohlenbergbau einleiten sollte. Die Einrichtung von Grubenwarten, deren Zahl dann bis 1973 auf insgesamt 58 steigen sollte, hatte einen entscheidenden Anteil daran. Zwar ließen sich die in einer zentralen Steuerung angelegten Möglichkeiten einer vollständigen Automatisierung von vollmechanisierten Abbaubetrieben wegen uneinheitlicher und schwieriger Lagerungsverhältnisse in vielen Revieren nicht realisieren, doch war dies in der Schachtförderung, Wasserhaltung und beim Materialtransport durchaus möglich. Vor allem aber ließen sich über die Grubenwarten die einzelnen Betriebe eines Bergwerks zu einem Gesamtsystem integrieren, was bei der Zusammenlegung einzelner Zechen zu großen Schachtanlagen mit einer Vielzahl von Betriebspunkten von Vorteil war.

 

Die Verarbeitung der stark zunehmenden Datenmengen war bald nur noch über leistungsfähige digitale Anlagen, die um 1980 die bisherigen relaisgesteuerten analogen Warten ersetzten, möglich. Nun konnten bestimmte Betriebsabläufe im Voraus programmiert und beispielsweise eine rechnergestützte Überwachung des Grubenwetters samt entsprechender Vorhersagemodelle eingerichtet werden. Dieser Wandel ist auch bei den Kosten ablesbar: Bereits Anfang der 1980er-Jahre entfiel nach Erhebungen der RAG mit fast 90 Prozent der weitaus größte Teil der Gesamtkosten für Grubenwarten auf die für sie speziell entwickelte Software. In der neuen digitalen Ausstattung veränderte sich wiederum das Design. An die Stelle analoger Zustandsbilder traten nun Computer-Bildschirme, deren Zustandsdiagramme sich den jeweiligen Aufgaben flexibel anpassen ließen. Um 2000 setzte bei der RAG dann die Umstellung zur zentralen digitalen Leitwarte ein. Nun wurden von der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop aus die Bergwerke der RAG per Mausklick überwacht und gesteuert. Voraussetzung hierfür war die Steuerbarkeit der Abbaumaschinen und Fördermittel, der Einbau von elektronischen Steuereinheiten und ihre Programmierung. Die hier angelegte Möglichkeit eines vollautomatischen und ferngesteuerten Bergwerksbetriebs ließ sich aus sicherheitstechnischen Bedenken jedoch nicht verwirklichen. Ohnehin kam mit der Stilllegung der letzten beiden deutschen Steinkohlenbergwerke 2018 das Ende dieser viel versprechenden Entwicklung.

 

Das Steuerpult der Grubenwarte der Zeche Sophia Jacoba veranschaulicht eine Technik, die in den 1950er-Jahren Einzug in den deutschen Bergbau hielt und von der in den folgenden Jahrzehnten entscheidende Impulse für eine grundlegende Rationalisierung und Automatisierung ausgehen sollten. Weitere Objekte aus dieser Geschichte der Kommunikation und der Steuerung unter Tage finden sich in den Musealen Sammlungen des montan.dok, die im Projekt „montan.dok 21“ erstmals umfassend dokumentiert und erforscht werden.

 

01. September 2021 (Dr. Stefan Siemer)

 


Literatur

Farrenkopf, Michael u. a. (Hrsg.): Glück auf! Ruhrgebiet. Der Steinkohlenbergbau nach 1945. Katalog der Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum vom 6. Dezember 2009 bis 2. Mai 2010, Bochum 2009 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 169; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 21).

 

Heising, Ferdinand: Überwachung und Steuerung von Bergwerken mit EDV-Anlagen, in: Glückauf 119, 1983, Nr. 1, S. 5-13.

 

Ingenerf, Nikolai: Grubenwarten ohne ROLF – (K)Eine Automatisierung im britischen und westdeutschen Steinkohlenbergbau?, in: Czierpka, Juliane/Bluma, Lars (Hrsg.): Der Steinkohlenbergbau in Boom und Krise nach 1945. Transformationsprozesse in der Schwerindustrie am Beispiel des Ruhrgebiets, Berlin/Boston 2021 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 241; = Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 41), S. 69-94 (im Erscheinen).

 

Olaf, Jörn: Automatisierung und Fernüberwachung in Bergbaubetrieben, Essen 1976.

 

Repetzki, Kurt: Fernwirktechnik im Steinkohlenbergbau, Essen 1962.

 

Siemer, Stefan: Förderung per Mausclick – Die Leitwarte der RAG auf Prosper-Haniel, in: Stottrop, Ulrike (Hrsg.): Kohle.Global – Eine Reise in die Reviere der anderen. Katalog zur Ausstellung im Ruhr Museum vom 15. April bis 24. November 2013, Essen 2013, S. 201.

 

Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund in Gemeinschaft mit der Westfälischen Berggewerkschaftskasse und dem Rheinisch-Westfälischen Kohlesyndikat (Hrsg.): Die Entwickelung des Niederrheinisch-Westfälischen Steinkohlen-Bergbaues in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Bd. 5: Förderung, Berlin 1902, S. 349-354.