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Neujahrsgrüße vor 80 Jahren: Eine Eisenkunstgussplakette im Lichte ihrer Zeit

Eisenguss zur Herstellung von Maschinenteilen, Kanonen und Küchengefäßen standen am Anfang der Produktion der 1796 gegründeten Königlich-Preußischen Eisengießerei in Gleiwitz, doch ließ die Kunst nicht lange auf sich warten. Schmuck, Plastiken und Medaillen wurden in unterschiedlichsten Ausformungen gegossen, seit dem 19. Jahrhundert gehörten dazu auch Neujahrsplaketten.

 

Nicht zuletzt als Zeugnis für das im zurückliegenden Jahr Erreichte wurden diese Neujahrsplaketten dem preußischen König übermittelt, bisweilen zeigten diese dann wichtige Erzeugnissen der Produktion. Die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeschlafene Tradition wurde 1925 von dem damaligen Leiter der Modellkammer Peter Lipp in Gleiwitz wiederbelebt. Im Katalog der nunmehr zu der Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktien-Gesellschaft gehörigen Kunstgießerei von 1935 heißt es zu diesen Plaketten: „So entstanden jene von Sammlern und Liebhabern begehrten Plaketten und Darstellungen aus der Welt der Technik und des allgemeinen Lebens“ (Gleiwitz Kunstguß, S. 3).

 

Die zur Jahreswende 1941/1942 herausgegebene Plakette (montan.dok 033302291018) lässt sich der letzteren Kategorie zuordnen. Aber was genau ist auf der 15,7 cm langen, 11 cm breiten und 280 Gramm schweren Platte zu erkennen? Im linken Vordergrund ist ein Ritter mit Schwert und Schild dargestellt und im Hintergrund eine Burg – so knapp liest sich die Beschreibung auf der nach dem Erwerb 1959 im damaligen Bergbau-Museum Bochum ausgestellten Karteikarte. Die dürftigen Angaben lassen kein größeres Interesse erkennen, die Bildaussage genauer zu ergründen. Das ist nicht weiter verwunderlich, musste sich die seinerzeitige Bearbeiterin Philippine Möllmann doch durch ein ganzes Konvolut von 22 Plaketten, elf geschnitzten Bergleuten, einer Weihnachtspyramide, einer Bergkapelle und einer Bergparade mit jeweils zahlreichen Figuren sowie zwei Häckelblättern arbeiten. Museumsalltag möchte man meinen.

 

Jahrzehnte später beschäftigte sich ein Mitarbeiter im Montanhistorischen Dokumentationszentrum (montan.dok), in dem die Neujahrsplakette bewahrt wird, erneut mit dem Stück. Durch seine Forschung zu der Geschichte des Deutschen Ordens während seines Studiums fiel es ihm nicht schwer, die Anlehnung des dargestellten Ritters an einen Deutschordensritter mit dem entsprechenden Kreuz auf dem Schild als prominentes Zeichen zu erkennen. Schwieriger war die Frage nach der dargestellten Burg. Die häufiger zu lesende Interpretation „Marienburg“ ließ sich schnell ausschließen. Eingedenk der Entwicklungen im Jahr 1941 – die deutsche Wehrmacht hatte im Sommer die Sowjetunion überfallen und den Russlandfeldzug begonnen – und mit dem Wissen um die Burgen des Deutschen Ordens im Osten lag eine Identifizierung mit der Hermannsfeste in Estland an der Grenze zu Russland am Fluss Narva nahe. Ein Bild der Feste aus den 1930er-Jahren, heute im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz verwahrt, lässt die große Ähnlichkeit mit der Reliefdarstellung erkennen und unterstützt die Interpretation. Der Ritter steht auf der Plakette an der südöstlichen Seite der Feste und hat den Kopf nach Osten gewandt.

 

Tatsächlich taucht die Hermannsfeste in der NS-Propaganda auf, und hier wird die Geschichte des Deutschen Ordens für die aktuellen Zwecke vereinnahmt und umgedeutet. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Fotografie aus der Sammlung Berliner Verlag vom 27. August 1941. Hier sind die Burg und davor deutsche Soldaten auf dem Vormarsch zu sehen. Der Text auf der Rückseite des Bildes lautet: „Vormarsch an der alten Ordensburg Narwa[sic!] vorüber. Das Wahrzeichen der Stadt Narwa[sic!]  am Finnischen Meerbusen ist die alte deutsche Ordensburg, die die Flußmündung beherrscht. Die Vormarschstraße unserer Truppen führt an der stolzen alten Festung vorüber […].“ Genau diese Aussage wird letztlich auf dem Relief der Plakette aufgegriffen. Eine weiteres Beispiel für die Sicht auf die den Deutschen Orden in der NS-Zeit ist ein in der Warschauer Zeitung am 14. Februar 1942 im Auszug abgedruckter Artikel von Hinrich Lohse, hier heißt es (S. 4): „Reval mit seinen trutzigen Türmen und Narwa[sic!] mit seiner Hermannsfeste sind für uns Symbole wehrhafter Kampfbereitschaft gegen die ewige Gefahr des Ostens. Sie sprechen zu uns eine ehrende Sprache und künden mit den Ruinen der deutschen Ordensburgen, die von Ostpreußen bis zur Narwa[sic!] sinnbildlich und geographisch die Verbreitung deutscher Pionier- und Kulturarbeit umreißen, von vergangenen Jahrhunderten, von deutscher Geschichte im Ostseeraum, von Kämpfen, von Siegen und auch von Niederlagen.“

 

Die Plakette kam wie gesagt zusammen mit 21 weiteren Plaketten und den anderen genannten Objekten in das damalige Bergbau-Museum Bochum. Ob der seinerzeitigen Direktor Dr.-Ing. Heinrich Winkelmann ein größeres Interesse an den Plaketten hatte oder die Schnitzobjekte im Vordergrund bei dem Erwerb des Konvolutes standen ist nicht bekannt. Mündliche Verhandlungen mit der Witwe des Oberbergamtsdirektors Werner Gaßmann, wie es auf der Karteikarte zu lesen ist, gingen dem Ankauf voraus. Winkelmann war zu Lebzeiten des Sammlers mit diesem über verschiedene Objekte im Austausch gewesen, darunter besonders Darstellungen der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergeleute, wie er noch dessen Witwe 1964 schrieb (vgl. montan.dok/BBA 112/819). Gesichert ist: künstlerische Erzeugnisse, die weitestgehend im Zusammenhang mit dem Bergbau stehen, also auch der Eisenkunstguss, hatten von jeher ihren Platz in den Sammlungen und auch in der Ausstellung des Museums, wie aus dem „Wegweiser durch das Bergbau-Museum Bochum“ von 1954 hervorgeht.

 

So fragwürdig die Bildaussage der Neujahrsplakette 1942 heute anmutet, so ist sie doch ein wichtiges Zeugnis der Entwicklung des Eisenkunstgusses und der an ihm beteiligten Künstler:innen. Ein wichtiger Name in diesem Zusammenhang ist Leonhard Posch (1750-1831). Im „Wegweiser“ von 1954 wird eine von ihm 1808 entworfene Medaille aufgeführt. Nach deren Vorlage wurde übrigens auch eine Medaille aus Kohlekeramik gefertigt (montan.dok 033304455002). Ein ebenfalls interessanter Werkstoff, der zahlreich Niederschlag in den Musealen Sammlungen des montan.dok gefunden hat. Doch davon ein anderes Mal mehr…

 

01. Januar 2022 (Dr. Maria Schäpers)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 033302291018, 033304455002

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 112/819

 

Bergbau-Museum (Hrsg.): Wegweiser durch das Bergbau-Museum. Ein Gang durch Geschichte und Kultur des Bergbaus, Bochum 1954.

 

De̜bowska, Elżbieta: Die Königlich-Preußische Eisengießerei in Gleiwitz, in: Rheinisches Eisenkunstguss-Museum (Hrsg.): Europäischer Eisenkunstguss. Die Königlich-Preußischen Eisengießereien Gliwice, Berlin, Sayn 2006, S. 64-119.

 

Fotografie der Hermannsfeste, Narwara, aus den 1930er-Jahre, Bildnr. 40001893 im Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz. Unter: https://www.bpk-bildagentur.de/shop (Eingesehen, 06.12.2021).

 

Fotografie der Hermannsfeste vom 27. August 1941 aus der Sammlung Berliner Verlag, akg-images/ Sammlung Berliner Verlag/Archiv, Bildnr. AKG5567679. Unter: https://www.akg-images.de (Eingesehen, 06.12.2021).

 

Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktien-Gesellschaft. Abteilung: Betriebsstelle Kunstgießerei Gleiwitz (Hrsg.): Gleiwitzer Kunstguß. Statuen, Kleinplastiken, Plaketten und kunstgewerbliche Gegenstände nach historischen und neuzeitlichen Modellen, Beuthen O.S. 1935.

 

Warschauer Zeitung, 4. Jahrgang, Folge 38, 27. August 1941. Unter: http://mbc.cyfrowemazowsze.pl/Content/74120/00079843_-_Warschauer-Zeitung-R-4-1942-nr-38-14-II-_BUW-05764.pdf (Eingesehen: 06.12.2021).

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches+Dokumentationszentrum&ref=67754 und museum-digital. Unter: https://nat.museum-digital.de/object/1068450 (Eingesehen: 06.12.2021).

 

 

Mein Dank gilt Claus Werner, M.A., für detaillierte Auskünfte zu der Bildinterpretation.