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Der erste Tetrapode aus dem Rheinisch-Westfälischen Karbon im neuen Gewand wird neu untersucht

Ende der 1960er-Jahre gelangte „der erste Tetrapode aus dem Rheinisch-Westfälischen Karbon“, der wissenschaftlich hoch spektakulärere Fund eines weit über 300 Millionen Jahre alten, nahezu vollständig erhaltenen Skeletts eines Amphibiums zum Geologischen Museum des Ruhrbergbaus an der Westfälischen Berggewerkschaftskasse Bochum (WBK). Wenngleich das Geologische Museum mit seinen Sammlungsinhalten schon vor rund 50 Jahren zum größten Teil in die Obhut des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (DBM) überführt wurde, blieb der Fund seitdem von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Aktuelle Forschungen einer internationalen Forschergruppe unter Beteiligung des Museums für Naturkunde (MfN) in Berlin, ebenfalls ein Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft, sowie die paläontologische Landesausstellung NRW 2026 bringen den Fund nach langer Zeit wieder in die Öffentlichkeit und machen ihn zum begehrten Forschungsgegenstand.

Gefunden wurde das Skelett bereits 1964 in der Ziegeleigrube „Schmiedestraße“ in Haßlinghausen durch den Bonner Geologen Klaus Bandel, der es 1969 an das Geologische Museum der WBK übergab. Nach der Präparation und paläontologischen Bearbeitung des ca. 30 cm langen Skeletts durch einen Spezialisten sollte das Stück eine wertvolle Bereicherung des Museums werden. Zum Ende des Jahres 1973 erschien das Ergebnis der wissenschaftlichen Bearbeitung von Jürgen A. Boy, Mainz, und Klaus Bandel, Bonn. Nun hatte auch der erste Tetrapode aus dem Rheinisch-Westfälischen Karbon als so genannter Holotypus und damit als erster wissenschaftlich nachgewiesener Vertreter einer neuen Art innerhalb einer neuen Gattung mit Bruktererpeton fiebigi (montan.dok 060002995001) seinen Namen erhalten. 

 

Der Gattungsname geht auf die das Fundgebiet besiedelnden Brukterer und auf „-erpeton“ (griechisch Kriechtier) zurück. Der Namensgeber für den Artnamen „fiebigi“ war Heinrich Fiebig (1942-2016). Er war zu dieser Zeit nicht nur der Kustos des Geologischen Museums der WBK, sondern setzte sich innerhalb der 1954 gegründeten Montangeologischen Arbeitsgemeinschaft besonders für geologisch-paläontologische Arbeiten ein. Er unterstützte Jürgen A. Boy bei dessen Forschungen durch Bereitstellung des Fundexemplars. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte dazu notwendige Forschungsreisen, um Vergleichsmaterial an einer Vielzahl von international hochbedeutenden Einrichtungen studieren zu können. Es handelte sich um das Museum of Natural History in New York, das Dep. of Geology der Princeton University, das Peabody Museum der Yale University, das Museum of Comparative Zoology der Harvard University, das Redpath Museum der McGill University Montreal, das Royal Ontario Museum Toronto, das British Museum of Natural History London mit den Departments of Zoology und Geology sowie das Hancock Museum in Newcastle upon Tyne, das Royal Scottish Museum Edinburgh, das Paläontologische Institut der Karls-Universität Prag sowie das Narodni-Museum Prag.

 

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre vollzogen sich erhebliche Veränderungen in der Ausrichtung der geowissenschaftlichen Arbeiten der WBK. 1971 war deren einstige Lehr- und Forschungssammlung mehr oder weniger zur Einrichtung für die Bestandssicherung verändert worden. Sie übernahm in den Folgejahren z. B. die geowissenschaftlichen Objektbestände mehrerer Bergschulen im Ruhrgebiet. 1974 begann dann die Überführung der geowissenschaftlichen Sammlung der WBK zum damaligen Bergbau-Museum Bochum. Dort wurden in den Folgejahren neue, gänzlich anders ausgerichtete geowissenschaftliche Ausstellungen eingerichtet. Dabei standen nun auch überregionale und internationale „Lagerstätten und Rohstoffe“ viel stärker im Fokus. Daneben wurden auch paläontologische Funde insbesondere im Zusammenhang mit der Steinkohlenlagerstätte im Ruhrgebiet gezeigt. 

 

So wurde zu dem Fund von Tetrapodenfährten (Ichniotherium praesidentis) aus dem Jahr 1923 auf der Bochumer Zeche Präsident ein Diorama im Maßstab 1 : 1 mit dem rekonstruierten Verursacher der Spuren in seiner Lebenswelt vor rund 300 Millionen Jahren gezeigt. Zum Ende der 1970er-Jahre hatte das inzwischen als Forschungsmuseum in die so genannte Blaue Liste der staatlich geförderten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen aufgenommene und nun auch zum „Deutschen Bergbau-Museum Bochum“ aufgestiegene Museum einen neuen, geowissenschaftlich ausgerichteten Ausstellungs- und Sammlungsschwerpunkt umgesetzt. Parallel zu den musealen Präsentationen erfolgte auch eine Neuordnung der von der WBK ebenfalls übernommenen Landessammlung. Dies jedoch hinter verschlossen Türen so, dass in zwei großen Magazinräumen wissenschaftlich Interessierte ungehindert durch den Museumsbetrieb in der bedeutenden Sammlung arbeiten und forschen konnten. Und so gelangte auch Bruktererpeton fiebigi in eine Tischvitrine in einem dieser Magazine, nur Forschenden aus der Fachliteratur bekannt und zugänglich auf Anfrage.

 

Die Ablagerungen, in denen das Fossil gefunden wurde, gehören zur Erlenrode-Formation des Namuriums B. Sie bestehen aus quarzitischen Sandsteinbänken und zwischengelagerten Ton- und Schluffstein-Lagen, die seinerzeit in der Ziegeleigrube abgebaut wurden. Der Fossilgehalt von marinen Tieren und Überresten von Landpflanzen deutet auf den Bereich einer Flussmündung und eine küstennahe Ablagerung hin. Vor ca. 320 Millionen Jahren wurde das jugendliche Tier schon als Kadaver angespült und im tonigen Schlamm der Flussmündung eingebettet. Das Tier dürfte äußerlich einer Eidechse mit relativ großem Kopf ähnlich gewesen sein. Lange Extremitäten deuten an, dass Bruktererpeton ein an Land lebendes Tier gewesen ist, das sich vermutlich schnell durch die oberkarbonischen Wälder bewegte, wo es wahrscheinlich Jagd auf Insekten machte. Zur Eiablage war es ähnlich wie die heutigen Amphibien auf Laichgewässer angewiesen. Bruktererpeton gehört als ein Vertreter der in Europa sehr seltenen Anthracosaurier („Steinkohle-Echsen“) zur Stammgruppe der Amnioten (Reptilien, Vögel und Säugetiere).

 

Eine internationale Forschergruppe der Universitäten von Lincoln, England, und Bratislava, Slowakei, sowie dem Museum für Naturkunde, Berlin, hat es sich aktuell zur Aufgabe gemacht, Bruktererpeton mit Hilfe moderner Methoden wie Photogrammetrie und Mikro-CT neu zu beschreiben. Dafür wurde das Fossil 2022 an das Museum für Naturkunde in Berlin ausgeliehen, wo es zunächst von den dortigen Präparatoren einer aufwändigen Präparation unterzogen wurde. Das Fossil befand sich in einem schlechten Zustand, da sich die Kunststoffe, mit denen es vor Jahrzehnten stabilisiert worden war, bereits auflösten. Mikro-CT Scans wurden im CT-Lab des Museums durchgeführt, und für die photogrammetrischen Aufnahmen wurde ein spezieller Schwenkarm für die Kamera verwendet.

Video file

Animation eines durch Photogrammetrische Aufnahmen erstelltes 3D-Bildes des Skeletts von Bruktererpeton fiebigi (Fotos und Animation: Museum für Naturkunde, Berlin/Amy Campbell)

 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hoffen, mit diesen Methoden neue Skelettmerkmale zu finden, mit denen sich die Morphologie, die Lebensweise und die phylogenetische Verwandtschaft dieses Tieres genauer rekonstruieren lassen und damit neue Hinweise über den Ursprung der Amnioten erhalten zu können. 

 

Als dann Mitarbeitende des LWL-Museums für Naturkunde in Münster im Februar 2024 an die Musealen Sammlungen des montan.dok herantraten, um Vorschläge nach „markanten“ Fossilien für eine Landesausstellung abzufragen, lag nichts näher, als Bruktererpeton fiebigi als einen der Favoriten vorzuschlagen. Dieser Vorschlag wurde sehr gerne angenommen und auch weitere Fossilbesonderheiten aus dem geowissenschaftlichen Teil der Musealen Sammlungen des montan.dok wurden für die Landesausstellung ausgewählt. Von April 2026 bis September 2027 wird in drei Ausstellungskapiteln an drei Orten gezeigt, wie sich das Leben in Nordrhein-Westfalen über Millionen Jahre verändert hat. Die Fossilleihgaben aus den Musealen Sammlungen des montan.dok werden dazu in Münster präsentiert. An solchen Objekten ist der enorme wissenschaftliche Wert deutlich sichtbar. Sie sind es daher wert, bewahrt, erforscht und auch gezeigt zu werden. 

 

Den Kolleginnen und Kollegen vom Museum für Naturkunde in Berlin gilt daher unser besonderer Dank für die Präparation des Skelettfundes, die Bereitstellung von Bildmaterial auch für diesen Beitrag und natürlich insgesamt für das Forschungsinteresse an dem bedeutenden Objekt.

 

01. Juni 2026 (Dr. Michael Ganzelewski)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (DBM) 060002995001, 060002995002.

 

Boy, Jürgen A./Bandel, Klaus: Bruktererpeton fiebigi n. gen. n. sp. (Amphibia: Gephyrostegida) der erste Tetrapode aus dem Rheinisch-Westfälischen Karbon (Namur B; W.-Deutschland), in: Palaeontographica. Beiträge zur Naturgeschichte der Vorzeit, Bd. 145, Abt. A, 1973, S. 39-77.

 

Ganzelewski, Michael/Kirnbauer, Thomas/Müller, Siegfried/Slotta, Rainer: Karbon-Kreide-Diskordanz im Geologischen Garten Bochum und Deutsches Bergbau-Museum (Exkursion A am 25. März 2008), in: Kirnbauer, Thomas/Rosendahl, Wilfried/Wrede, Volker: Geologische Exkursionen in den Nationalen GeoPark Ruhrgebiet, Essen 2008, S. 93-136.

 

Westfälische Berggewerkschaftskasse: Jahresberichte, Bochum 1969-1979.

 

Wrede, Volker: Fossilien aus dem GeoPark Ruhrgebiet: Bruktererpeton fiebigi – ein Amphibium aus dem Flözleeren, in: Geopark News 1, 2019, S. 14.

 

Online-Portale: montandok.de. Unter: https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=255020; https://www.montandok.de/objekt_start.fau?prj=montandok&dm=Montanhistorisches%20Dokumentationszentrum&ref=294447 und museum-digital. Unter: https://westfalen.museum-digital.de/object/44486; https://westfalen.museum-digital.de/object/44487 (Eingesehen: 26.05.2026).