Skip to main content

Segensreiche „Bomben“: Rettungskörbe im Bergbau

Seit vielen Jahren kommt es bei Führungen durch das Anschauungsbergwerk des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (DBM) bei den Besuchenden zu „Aha-Effekten“. Kurz vor dem Betreten der Bereiche, in denen der moderne Steinkohlenbergbau mittels Walzenschrämlader und Schildausbau hautnah zu erleben ist, stoßen sie in einer Strecke auf ein Objekt, das in seiner Form tatsächlich stark an eine Bombe erinnert. Der Zweck und die Gründe für die Entwicklung hatten jedoch rein gar nichts mit zerstörerischer Absicht gemein, ganz im Gegenteil ging es dabei um die Rettung von Bergleuten aus ansonsten ausweglosen Situationen.

 

Bei Besuchenden in fortgeschrittenem Lebensalter greift dann schnell die kollektive Erinnerung und es hallt „Ah, die Dahlbuschbombe!“ unter Tage. Insbesondere durch das Grubenunglück auf der Eisenerzgrube Mathilde im niedersächsischen Lengede am 24. Oktober 1963, bei dem nach 14 Tagen elf Bergleute mittels eines solchen Rettungskorbes – so die fachlich korrekte Bezeichnung – kaum mehr erhofft geborgen werden konnten, ist das Objekt allgemein bekannt geworden. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Rettungsaktion in Lengede erstmals über Stunden live im für die Bundesrepublik Deutschland noch neuen Medium des Fernsehens zu verfolgen gewesen war. Bislang letztmalig weltweite Aufmerksamkeit erlangte die Bergung von 33 chilenischen Bergleuten aus dem Kupfer- und Golderzbergwerk San José im August 2010 mittels eines Rettungskorbes. Auch wenn das chilenische Rettungswerk technologisch sowohl hinsichtlich der Rettungsbohrungen als auch bezüglich der Rettungskapsel vorrangig auf aktuellem US-amerikanischen und chilenischen Know-how basierte, lassen sich grundlegende konstruktive Details der „Fénix 2“ auf die 1955 im Ruhrbergbau entwickelte, so genannte Dahlbuschbombe (montan.dok 030200330001), zurückführen. Ein Nachbau des chilenischen Rettungskorbes „Fénix 2“ (montan.dok 030006448001) ist heute ebenfalls in der Dauerausstellung des DBM zu besichtigen, und zwar im Rundgang „Bergbau. Steinzeit mit Zukunft“. Wie aber kam es nun zur „Dahlbuschbombe“?

 

Die Gründe für die eigentliche Innovation der Herstellung von Großlochbohrungen mit anschließendem Einsatz von Rettungskörben bzw. -kapseln ergaben sich im Ruhrbergbau nach 1945 vor dem Hintergrund zahlreicher Streb-, Strecken- und Schachtbrüche. Bis dahin verfügten zumeist nur einzelne Bergwerksgesellschaften an der Ruhr über eigene Großlochbohrmaschinen. 1951 wurde eine solche Maschine erstmals auch von der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen als Gemeinschaftsorganisation für den Ruhrbergbau erworben, um sie im Bedarfsfall umgehend bereitstellen zu können. Die seinerzeitigen Bohrmaschinen waren vorrangig in der Lage, Versorgungsbohrungen zu eingeschlossenen Bergleuten herzustellen, um diese dann über kleine „Versorgungs- bzw. Verpflegungsbomben“ mit den notwendigen Materialien der Erstversorgung auszustatten. Anschließend erfolgte die Aufweitung der Bohrlöcher zu einem Durchmesser, der das Durchfahren einer Rettungskapsel ermöglichte.

 

Die Entwicklung der „Dahlbuschbombe“ als Rettungskapsel hing wesentlich damit zusammen, dass alternative Verfahren der klassischen Aufwältigung von Bruchzonen als zu langwierig für eine Befreiung eingeschlossener Bergleute beurteilt wurden. Als am 07. Mai 1955 auf der Zeche Dahlbusch 2/5/8 in Gelsenkirchen-Rotthausen ein alter, in Reparatur befindlicher Blindschacht zu Bruch gegangen war, verfolgte man zunächst noch beide Strategien alternativ.

 

Auf dem Anschlag „Wilhelm“ des Blindschachtes, 40 m über der 11. Sohle in 857 m Teufe, waren infolge des Bruches drei Hauer eingeschlossen. Da nur schwer abzuschätzen war, wann die Aufwältigungsarbeiten im Blindschacht den Anschlag erreichen würden, beschloss man, ein Versorgungsbohrloch von der 11. Sohle 40 m senkrecht nach oben zu bringen. Am Nachmittag des 09. Mai wurde die Bohrung mit einem Durchmesser von 14,3 cm angesetzt, und schon nach knapp sieben Stunden war sie durchschlägig. Mit Hilfe von Verpflegungsbomben, die in der Zwischenzeit in der Zechenwerkstatt hergestellt worden waren, konnte man die Eingeschlossenen mit Lebensmittelvorräten für einige Tage bevorraten. Das Bohrloch wurde dann zunächst auf 27 cm und anschließend auf 40,6 cm erweitert, um neben den ständig weitergehenden Aufwältigungsarbeiten im Blindschacht eine zweite Rettungsmöglichkeit zu schaffen. Es war notwendig, für diese Erweiterungsbohrung eine schwerere Bohranlage, Gestänge mit größerem Durchmesser und entsprechende Rollenmeißel heranzuschaffen. Hierbei stellten insbesondere die Zechen Auguste Victoria, Marl, und Graf Bismarck, Gelsenkirchen, entsprechendes Gerät zur Verfügung.

 

Am 10. Mai konnte mit der Erweiterung auf 27 cm begonnen werden, die nach etwa zehneinhalb Stunden beendet war. Anschließend wurden die Eingeschlossenen wiederum mit allem Notwendigen versorgt. Die Arbeiten zur Erweiterung des Bohrlochs auf 40,6 cm dauerten 28 Stunden; sie waren am 12. Mai gegen 10.00 Uhr vollendet. Nach Ziehen des Gestänges, für das etwa vier Stunden benötigt wurden, und Abbau der Bohranlage konnten die Vorbereitungen für die Bergung der Eingeschlossenen starten.

 

Schon im Vorfeld hatte sich die Frage gestellt, wie man die eingeschlossenen Bergleute gefahrlos bergen könne; eine entsprechende Vorrichtung existierte bislang nicht. Nach unterschiedlichen Überlegungen setzte sich die Ansicht durch, einen nach oben und unten spitz zulaufenden einfachen Blechmantel nach Art einer Wetterlutte zu konstruieren. Dieser Blechmantel sollte eine Einstiegsluke haben und mit Haspelseilen zu bewegen sein. Aus diesen einfachen Anforderungen wurde dann ein Blechkörper gefertigt, der ob seiner Form an eine Bombe erinnerte. Die große Einstiegsluke wurde mit einem starken Brustgurt versehen, der dem eingestiegenen Mann einen gewissen Halt geben sollte. Der Blechkörper war in der Längsachse nicht verschweißt, sondern durch Schrauben zusammengehalten, die in Langlöchern steckten, wodurch eine gewisse Flexibilität in der Längsrichtung gewährleistet wurde. Drahtseile verspannten den oberen und unteren Rahmen, so dass der Blechkörper noch Halt gehabt hätte, wenn die inneren Langlochlaschen gegebenenfalls abgerissen wären. Zum Schluss wurde ein 20 cm starkes, in der Mitte ebenfalls durchgeschnittenes Rohr in den Blechkörper eingeschweißt, um dem erforderlichen Oberseil in diesem Rohr eine Führung zu geben. Der Außendurchmesser betrug etwa 38 cm, die Gesamtlänge 2,5 m.

 

Zur Bergung auf der Zeche Dahlbusch wurden auf der 11. Sohle zwei Haspel aufgestellt. Der Rettungskorb konnte durch den Haspel 1 über zwei Umlenkrollen auf der 11. Sohle und im Füllort hochgezogen werden, während der zweite Haspel das Unterseil bediente. Um den seit etwa fünf Tagen in der Grube befindlichen Männern Hilfe beim Einstieg in den Rettungskorb zu geben und nicht einen allein zurückzulassen, fuhr der Oberführer der Grubenwehr der Zeche Dahlbusch zu den Eingeschlossenen hoch. Die eigentliche Rettungsaktion war nach einer halben Stunde am Nachmittag des 12. Mai 1955 erfolgreich abgeschlossen.

 

Der auf der Zeche Dahlbusch konstruierte und erstmals eingesetzte Rettungskorb kam in den folgenden Jahren in weitgehend unveränderter Form mehrfach im deutschen Bergbau zum Einsatz. So etwa im Jahr 1956 auf der Zeche Fröhliche Morgensonne in Wattenscheid und auf der Zeche Anna im Aachener Revier, Ende 1957 auf der Schwerspatgrube Gustav in Abterode bei Eschwege. Einer breiten Öffentlichkeit wurde die „Dahlbuschbombe“ jedoch – wie eingangs geschildert – erst im Zuge des Grubenunglücks auf der Eisenerzgrube Mathilde im niedersächsischen Lengede bekannt. Sie ist damit in vielerlei Hinsicht ein herausragendes materielles Zeugnis der deutschen Bergbaugeschichte, der sich das Vorhaben „montan.dok 21“ intensiv und erfolgreich widmet.

 

01. November 2021 (Dr. Michael Farrenkopf)

 


Literatur

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum/Bergbau-Archiv Bochum (BBA) 160/9166, BBA 169

 

Montanhistorisches Dokumentationszentrum (montan.dok) beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum 030200330001, 030006174001, 030006448001, 024000153014, 024000153021

 

Au, [Dipl.-Ing.]: Betriebserfahrungen bei der Herstellung des 406 mm Ø-Rettungsbohrloches auf Dahlbusch 2/5/8, in: Schlägel und Eisen, 1955, S. 347-357.

 

Bilges, Otto/Bode, Rainer/Marten, Joachim: Das Wunder von Lengede. Über die dramatische Rettungsaktion in einer niedersächsischen Eisenerzgrube. Eine Fotodokumentation, Haltern/Westfalen 1988.

 

Dittrich, Rudolf: Die Bohrtechnik im Dienste des Grubenrettungswesens, in: Schlägel und Eisen, 1964, S. 81-95.

 

Dittrich, Rudolf/Nemitz, Rolfroderich: Bohrungen für den Bergbau zur Rettung von Menschenleben, in: Bergbau, 1968, S. 229-238.

 

Farrenkopf, Michael: „Zugepackt – heißt hier das Bergmannswort“. Die Geschichte der Hauptstelle für das Grubenrettungswesen im Ruhrbergbau, unter Mitarbeit von Susanne Rothmund, Bochum 2010 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 178; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 22).

 

Franklin, Jonathan: 33 Männer lebendig begraben. Die exklusive Inside-Story über die chilenischen Bergarbeiter, München 2011.

 

Kroker, Evelyn/Farrenkopf, Michael: Grubenunglücke im deutschsprachigen Raum. Katalog der Bergwerke, Opfer, Ursachen und Quellen, Bochum, 2. Aufl. 1999 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 71; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 7), S. 87 f.

 

Rabas, Karlheinz: Die „Dahlbuschbombe“ aus Gelsenkirchen. Geschichte eines weltberühmten Rettungsgerätes im Bergbau, Gelsenkirchen 2015 (= Gelsenkirchen in alter und neuer Zeit, Heft 4).

 

Rixfähren, Klaus: Die Rettungsaktion für die fünf auf „Fröhliche Morgensonne“ eingeschlossenen Bergleute, in: Schlägel und Eisen, 1958, S. 884-886.

 

Stein, Rudolf: Unglück und Rettung in Lengede, in: Glückauf 100, 1964, S. 669-687.

 

Slotta, Rainer/Farrenkopf, Michael: Das Kupfer- und Golderzbergwerk San José und das Grubenunglück, in: Slotta, Rainer/Schnepel, Inga (Hrsg.): Schätze der Anden – Chiles Kupfer für die Welt. Katalog der Ausstellung des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, 8. Mai 2011 bis 19. Februar 2012, Bochum 2011, S. 387-406.

 

Vossenkuhl, Maren: Innovationen aus Praxis und Forschung am Beispiel der Dahlbuschbombe und des Meridianweisers, in: Farrenkopf, Michael/Siemer, Stefan (Hrsg.): Bergbausammlungen in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme, Bochum 2020 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 233; = Schriften des Montanhistorischen Dokumentationszentrums, Nr. 36), S. 399-442.