Das Schulwandbild „Entgasung der Braunkohlen (Verkokung)“
Schulwandbilder wurden in Deutschland seit dem späten 18. Jahrhundert eingesetzt. Ihre Entstehung geht zurück auf das von dem Aufklärer und Pädagogen Johann Bernhard Basedow (1724-1790) 1774 veröffentlichte, reformpädagogische „Elementarwerk“. Mit der Erfindung der Lithographie durch Alois Senefelder (1771-1823) gegen Ende des 18. Jahrhunderts hielten Wandbilder dann verstärkt Einzug in den Schulunterricht. Die Weiterentwicklung des lithografischen Verfahrens zum Offsetdruck zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichte es, dieses Wissensmedium kostengünstiger und in größeren Mengen herzustellen. Bis in die 1960er-Jahre hinein spielte es eine wichtige Rolle für die Wissensvermittlung, wurde dann Schritt für Schritt von moderneren Vermittlungstechniken abgelöst, wie beispielsweise den Dia-Projektoren.
Das Objekt des Monats ist eines von ca. 600 Schulwandbildern, die in den Musealen Sammlungen des Montanhistorischen Dokumentationszentrums (montan.dok) des Deutschen Bergbau-Museums Bochum, Leibniz Forschungsmuseum für Georessourcen, bewahrt werden. Wie bereits erwähnt, erwarben die Musealen Sammlungen das Objekt 2021 für die Präsentation in der Sonderausstellung „Gras drüber …. Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich“, da es die „Entgasung der Braunkohle (Verkokung)“ (montan.dok 037000775001) zum Thema hat.
Bei dem genannten Schulwandbild handelt es sich um ein Rollbild, das aus Leinen besteht, auf dem Papier aufgezogen wurde. Das Papier wurde im Offsetdruck farbig bedruckt. Am oberen und unteren Rand finden sich Rundhölzer, zudem eine Metallöse zum Aufhängen. Schematisch stellt es den Prozess der thermischen Veredelung der Braunkohlen zur Erzeugung von Koks und Nebenprodukten dar. Die Verkokung von Steinkohle geht auf Abraham Darby (1676-1717) zurück, der dieses Veredlungsverfahren 1713 erfand. Steinkohlenkoks bildete eine wichtige Basis für den europäischen Industrialisierungsprozess.
Die Veredelung der Braunkohlen hingegen beschränkte sich bis in die 1950er-Jahre auf die Brikettierung und Verstromung, Verkokung spielte keine Rolle. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 sah sich die DDR mit einem fundamentalen Ressourcenproblem konfrontiert – in ihrem Staatsgebiet befanden sich nur zwei kleine, fast schon erschöpfte Steinkohlenreviere, das Zwickauer und das Lugau-Oelsnitzer. Abgeschnitten hingegen war die DDR vom oberschlesischen und den westdeutschen Steinkohlenrevieren. Koks war aber vor allem für den Aufbau der metallurgischen Industrie wichtig. Da die Braunkohlenvorräte im Lausitzer und Mitteldeutschen Revier umfangreich waren, lag es nahe, an einem Verfahren zu forschen, um aus Braunkohlen Koks zu erzeugen.
Bereits 1949 nahmen Prof. Dr. Erich Rammler (1901-1986) und Dr. Georg Bilkenroth (1989-1982) an der Bergakademie Freiberg ihre Forschungen hierzu auf. 1951 erhielten sie den Nationalpreis für das von ihnen entwickelte Verfahren zur Herstellung von hüttenfähigem Braunkohlenhochtemperaturkoks (BHT-Koks). Ein Jahr später, 1952, meldeten sie es zum Patent an. Im selben Jahr wurde die Produktion von BHT-Koks im VEB Braunkohlenveredlung Lauchhammer aufgenommen. Diesem Standort gesellte sich der VEB Kombinat Schwarze Pumpe, gegründet 1958, später umbenannt in VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe, hinzu, dessen Aufbau 1955 begann. Seit 1969 stellte das Kombinat dann auch BHT-Koks her. Schwarze Pumpe entwickelte sich zeitweise zum größten europäischen Industriekomplex, in dem die DDR auch die vierte Veredelungsstufe, das Braunkohlengas, realisierte.
Am Anfang machte „Not erfinderisch“, am Ende schuf sie neue Nöte, die sich deutlich in Formulierungen wie „Verheizte Heimat“ spiegeln. Für die stetig steigende Braunkohlenförderung wurde nicht nur die soziale Heimat in den beiden ostdeutschen Braunkohlenrevieren verheizt, sondern auch die Umwelt.
01. Januar 2026 (Dr. Torsten Meyer)
- Literatur
Montanhistorisches Dokumentationszentrum des Deutschen Bergbau-Museums Bochum (montan.dok) 037000775001, 037001493001.
Bayerl, Günter (Hrsg.): Braunkohleveredelung im Niederlausitzer Revier. 50 Jahre Schwarze Pumpe, Münster u. a. 2009 (= Cottbuser Studien zur Geschichte von Technik, Arbeit und Umwelt, Bd. 34).
Farrenkopf, Michael (Hrsg.): Koks. Die Geschichte eines Wertstoffes, 2 Bde., Bochum 2003 (= Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Nr. 117; = Schriften des Bergbau-Archivs, Nr. 12).
Overhoff, Jürgen: Johann Bernhard Basedow (1724-1790). Aufklärer, Pädagoge, Menschenfreund. Eine Biografie, Göttingen 2020 (= Hamburgische Lebensbilder, Bd. 25).
o. V.: Art. Georg Bilkenroth. Unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Bilkenroth (Eingesehen: 17.11.2025).
o. V.: Art. Erich Rammler. Unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Rammler (Eingesehen: 17.11.2025).
o. V.: Schulwandbilder - Geschichte und Forschung. Unter: https://www.paedagogik.uni-wuerzburg.de/forschung/forschungsstelle-historische-bildmedien-wuerzburg-fhbw/schulwandbilder-geschichte-und-forschung/ (Eingesehen: 17.11.2025).
Siemer, Stefan: Objekt des Monats. Schulwandbild „Elektro-hydraulischer Walzenlader von Eickhoff W-SE IV“ (https://www.bergbau-sammlungen.de/de/aktuelles/schulwandbild-walzenlader-von-eickhoff).
Vattenfall Europe Mining & Generation (Hrsg.): Schwarze Pumpe, Forst 2005.